Hollwege - Geschichte eines Eschdorfes im Ammerland

Bäuerliche Selbstverwaltung und Bauer-Recht in Hollwege 1722

Die Dorfbevölkerung verwaltete Hollwege im Mittelalter vermutlich eigenständig, was jedoch nicht die herrschaftlichen Rechte seitens der Grafschaft u.a. veränderte, es handelte sich weiterhin um Untertanen. Nur reichte die herrschaftliche Gewalt nicht in die unmittelbare dörfliche Ebene. Es gab somit ein Bauerrecht, welches die dörflichen Angelegenheiten, das Miteinanderleben, die Rechte und Pflichten der einzelnen Bewohner regelte. Jenes war festgelegt in sogenannten Bauerbriefen.

Für den Bereich des Ammerlandes lassen sich ammersche Rechte und Gewohnheiten feststellen, wie sie z.B. 1614 die Kirchspiele Wiefelstede und Rastede schriftlich niederlegten. Diese regelten Dinge wie Erbrecht, Untertanenpflicht, freie Nutzung der Gemeinheit, Erbe und Besitz an Land, Holzung und Heide, Selbstverwaltung der Wege und Stege, Rechtsprechung bei Streitfällen. Letztere führte zum Teil die Obrigkeit aus, für das Ammerland früher von der Bokler Burg (gebaut um 800 n.Chr.) und später in der Dänenzeit z.B. vom Neuenburger Landgericht.

Nach dem Gristeder Bauerbrief von etwa 1600 waren nur die alten Eschhöfe vollberechtigte Mitglieder der Bauerschaft, die Köter hatten sich dennoch nach deren Anordnungen zu richten. Die Rechte der Neubauern nahmen aber im Laufe der Zeit zu. Von der Bauerschaft in der Regel ausgeschlossen waren allerdings die Heuerleute.

Das Bauerrecht war in der Vogtei Westerstede jedoch spätestens Ende des 17. Jahrhunderts nur schwach entwickelt, bzw. es wurde seitens der Vogtei oder dem Amt stark beschnitten, wie dies sonst in der Oldenburger Grafschaft eigentlich nicht der Fall war. Gemäß eines Befehls des Amtmanns Bohlken von 1685, sowie einer Verordnung wegen der Straßen- und Bekenrichter in Linswege von 1671 (auch ein Bauerbrief) wurden bestimmte Bauern zwar zu Straßen- und Bekenrichtern, nicht aber zu Bauerrichtern oder Geschworenen befohlen.

1722 hielten Hollweger Einwohner, nach zuvor eingeholter Erlaubnis des Amtmanns Witken, eine sogenannte Bauerversammlung ab. Gleichwohl jener Amtmann in den nächsten Jahren nachdrücklich gegen ein gewolltes Bauerrecht seiner Untertanen vorging, hat er diese Zusammenkunft wohl gestattet, da er das erste Jahr nach dem Tod des Vorgängers Bohlken Amtmann war, der eben 1685 Straßen- und Bekenrichter zuließ und die Hollweger 1722 ihr, wie sie es nannten, Bauer-Recht vor allem über die Straßenwege ausüben wollten, wie die folgende Niederschrift von ihnen zeigt:

Nachdem auf Erlaubniß unsers Herrn Commerz-Rath und Amt-Man Wittke, wir Hollweger Eingesessene, daß Bauer-Recht, über unsere sumpfigen Straßenwege, und andere großen Unordnung mögen halten, und damit solches der großen Unordnung, und daraus zufälligen Schaden zuvorkomme, und in Besonderung nothwendiger Sachen, möge desto kräftiger dige. So ist unser allerunterthänigstes Gesuch, der Herr Commerz geliebe uns hierinnen behülflich zu seyn, und auf folgende Puncten; einen schriftlichen Nachricht an unser Bauer-Recht zu ertheilen, und selbiges zuerst, durch den Auskündiger allen und jeden so es zu wißen nöthig andeuten laßen Als

1) Daß unsere sumpfigen Straßen und Wege, wie sie etwa in der Weite vor 25 Jahren, von gewissenhaften Männern in der Maße befunden, zum Theil aber seiter dem verenget, mögen nach dem damaligen schriftlichen attestat wieder ausgeräumt werden.

2) Daß diejenigen, welche aus andern Dörfern, eigen Wischland in unsere Gränze haben, womit sie unsere Straße gebrauchen, dieselbe auch eigne Erbpfläge in unsere Straße zu machen, auch Dämme und Brücken mit zu erhalten schuldig sein müßten.

3) Diejenigen Bäume, so an den Straßen und Wegen gepflanzet, und zum Theil ganz über den Weg hangen, daß man kaum unter durch fahren kan, auch durch solchen Tropfenfall und Schatten die Wege verderben, und nicht einmahl trocken werden konnen, das selbige abgeschaeffet, und von den Wegen, weg geräumet werde mögen.

4) Diejenigen so daß geile Wasser von unsere Straßen und Bauland genießen, und zum Theil die Wege und Dämme bey Winterzeit darumb durch graben, und des Sommers öfters aufschütten, dieselben Gaten oder Pumpen in den Weg zu halten, und das Wasser so woll bey Sommer als Winterszeit seinen Lauf zu laßen schuldig seyn müßen.

5) Diejenigen so aus unsere Bauerschaft Torf nach andere Dörfern hieverkaufen oder fremde zu graben vergönnen, womit unsere Wege verdorben wurden, das selbige sich solches hinkünftig enthalten müßen.

6) Diejenigen so da wieder Recht ihr Vieh auf unsere kleine beengte gemeine Weide treiben, daß selbige sich solches wie vorhin etwa 18 a 20 Jahren, zu enthalten allerdings schuldig sein müßen.

7) Diejenigen so selbe kleine Weide mit Plaggen mehre verderben, daß solches ohne Vorwissen der Bauer-Richter, sich hinkünftig keiner anmassen möge.

Meine Süsens-Dirk Hobbi-Jasper Brunken-Renke Restehusen-Dierk Willers-Johan Siems-Siefke Blanken, und Meine Meinen Auskünd[iger], welche dieser hochstnöthigen Verordnung, nebst der Mehrentheil rechtschaffener Einwohner ihres Dorfes, verlangen, haben unter sich ausgemacht folgende 2 Hausleute und 2 Köters, welche vorerst diese Mühe auf 3 Jahr lang, über sich nehmen wollen, haben darum geloset, und ist gefallen, auf Dierk Hobby und Renke Restehusens Hausleute Johann Siems und Siefke Blanken Siefken Köters welche nach vorgesetzten Puncten des Dorfes oder der Bauerschaft angelegenheiten, ohne Ansehnung der Personen, beobachten und schlichten, und keinen Menschen aus Freundschaft übersehen, noch einen aus Feindschaft zu hart fallen sollen. Zu Uhrkunde deßen sei dieses eigenhändig unterschrieben. Westerstede, den 31 ten August 1722.

Dirk Hobby Meine Süsens

Renke Restehausens Jasper Brunken

Johann Siems Dierk Willers

Siefke Blanken Meine Meinen

Die Hollweger wollten hiernach ihr Bauer-Recht nicht nur über die Straßen ausüben, sondern ferner über die Nutzung der Gemeinheit und bestimmten sogar, nach heutigen Maßstäben, sehr demokratisch, durch Losung 2 Hausleute und dergleichen 2 Köter für 3 Jahre als Bauer-Richter (vielleicht eher Straßenrichter zu nennen), die überdies unvoreingenommen, egal ob Freund oder Feind alle gleich gerecht behandeln sollten. Gleichzeitig ist dieses Aufzeichnung zur Bauerversammlung nur ein Gesuch an den Amtmann, mit der Bitte dieses Bauer-Recht schriftlich zu gestatten. Somit war ihnen auch bewußt, wie gering ihr Bauerrecht war. Ob Amtmann Witken überhaupt diese Bauerversammlung, so wie sie dort stattfand, gebilligt hätte und ob er die Verordnungen und Bauerrichter bestätigt hat, ist nicht bekannt, aber auch eher unwahrscheinlich.

Eine Wiederbelebung bzw. Einführung bäuerlicher Selbstverwaltungsrechte in Westerstede scheiterte abermals in der Folgezeit an den Amtmännern. 1746 beschlossen die Bauern der Vogtei Westerstede einen Bauerbrief mit weitreichenden Rechten für die Bauergeschworenen und sandten diesen, unter Umgehung der örtlichen Behörden, direkt nach Kopenhagen. Das Landgericht Neuenburg hatte nichts gegen den Entwurf, nur der Amtmann von Witken wandte sich entschieden dagegen. Er bestritt sogar, daß ein Bauerrecht in der Vogtei Westerstede oder in der ganzen Grafschaft überhaupt je bestanden habe.

1766 wurde nach Kopenhagen erneut ein Entwurf gesandt, der diesmal mit dem bereits bewilligten Bockhorner Brief wortwörtlich übereinstimmte, diesmal mit der Unterstützung des Neuenburger Landgerichtes, das Gleichbehandlung forderte. Der jetzige Beamte Bohlken lehnte wiederum ab. 1772/73 erfolgte ein dritter erfolgloser Versuch, ein Bauerrecht aufrecht zu erhalten. Zu diesem Zweck wählten die Einwohner Bauergeschworene, für Hollwege den Köter Siefke Hupen. Das Amt ließ jedoch nur Vogteibeeidigte zu, die es selbst auswählte, so bestimmte es 1773 den Hausmann Frerich Oeltjen.

Kurz hierauf sollte für die Westersteder Vogtei zusätzlich ein Köter ernannt werden. In Vorschlag gebracht wurden 4 Namen, darunter Joh. Heidkroß, Felde und Siefke Hupen. Wobei schließlich Siefke Hupen als Köter Vogteibeeidigter wurde. Somit hatte Hollwege zwei Beeidigte.

Nach dem Tod von Frerich Oeltjen 1779 wurde vergessen, bzw. es nicht für notwendig erachtet, einen Nachfolger auszusuchen, zumal Siefke Hupen noch sein Amt ausführte. Im folgenden kam es so auch zu Beschwerden der Hollweger Hausleute wegen des Vogteibeeidigten, der nur Köter war und über sie in einigen Fällen bestimmen konnte. So fühlte sich Diedrich Blessen 1790 gegenüber dem Vogteibeeidigten Köter Siefke Hupen und den sonstigen Kötern benachteiligt, da seine Aufgaben als Hausmann z.B. bei der Wegeunterhaltung viel umfangreicher waren. 1803 nach 30jähriger Verpflichtung beantragte Siefke Hupen seinen Rücktritt. 1805 wurde schließlich J. Friedr. Oeltjen sein Nachfolger, der bis 1830 Bauervogt war und somit seine Tätigkeit durch eine sehr schwere Zeit führte.

Im Herzogtum Oldenburg wurden die Selbstverwaltungsrechte, im wesentlichen nach der französischen Zeit, im Zuge der Neuordnung der Landesverwaltung 1814 aufgehoben. Das Amt erhielt selbst das Recht, den Bauervogt zu bestimmen, und jede Bauerversammlung bedurfte der Genehmigung und Anwesenheit des Amtmannes. Wobei sich so bei den Westersteder Bauerrechten eigentlich nichts änderte.